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Steintechnik bzw. Steinschnitt gibt es, seit es Bauwerke
aus bearbeiteten natürlichen Steinen gibt, also mit Beginn der
Schaffung von Wehrkirchen aus Stein im Mittelalter. Die Regeln,
Konstruktionsprinzipien und Gesetzmäßigkeiten haben sich über die
Jahrhunderte nicht geändert, lediglich die Hilfsmittel zur Realisierung
des Steinschnittes sind mit der Entwicklung von Wissenschaft und
Technik der Aufgabe angepasst worden. Konstruierten die Steinmetzen im
Mittelalter ihren Grund- und Aufriss noch im Sand und auf dem
Schnürboden, so sind wir heute mit Hilfe der Computertechnik in der
Lage gesamte Bauwerke dreidimensional steintechnisch zu planen und
frühzeitig technologische Abläufe zu durchdenken, wie wir es am
Beispiel der Dresdner Frauenkirche praktizieren. Eine sehr gute
Darstellung der Lebens- und Arbeitsweise der Steinmetzen im Mittelalter
gibt das Buch "Die Säulen der Erde" von Ken Follet wieder.
Im folgenden Abschnitt zitiere ich Auszüge aus dem
"Lehrbuch des Steinschnittes" von A. Ringleb.
§ 1
Sollen irgendwelche Bauteile, seien es
Mauern, Bögen oder Gewölbe u.s.w., aus natürlichen Steinen angefertigt
werden, so kann dies nur in der Weise geschehen, dass man dieselben aus
einzelnen mehr oder weniger großen Steinstücken zusammensetzt. Die
Größe dieser letzteren ist abhängig von der Größe der natürlichen
Steinschichten in dem Steinbruch, aus welchem das Material entnommen wird;
die Form ist abhängig von der Form des Ganzen, insofern der betreffende
durch Grundriss, Aufriss und Durchschnitt u.s.w. gegebene Bauteil durch
verschiedene Flächen so in kleinere Teile zu zerschneiden ist, dass nach
der erfolgten Ausführung derselben und ihrer entsprechenden
Zusammensetzung eben die beabsichtigte Bauform entsteht und zwar der Art,
dass sie den Gesetzen des statischen Gleichgewichts , der nötigen
Festigkeit und Dauerhaftigkeit entspricht. Dies ist die Hauptaufgabe und
der theoretische Teil des Steinschnittes.
Der praktische Teil besteht erstens in der
Anfertigung der durch die Zeichnung ihrer Größe und Form nach bestimmten
Steine auf dem Werkplatz durch den Steinmetzen und zweitens im Versetzen,
d.h. im Zusammenfügen der einzelnen Steine zu dem beabsichtigten Ganzen.
In der Lehre vom Steinschnitt sind daher
nur solche Baukonstruktionen zu behandeln, welche aus natürlichen Steinen
angefertigt werden; ausgeschlossen sind alle Konstruktionen aus
Bruchstein, Backstein und dergleichen.
Die Bestimmung der Mauerstärken, der
Stärke der Bögen und Gewölbe, ihres Steinschubs, der Stärke der
Widerlager u.s.w. gehört nicht zum Steinschnitt, sondern in das Gebiet
der Festigkeitslehre und Statik.
§ 2
Grundsätze
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Die Schnittflächen sind so anzuordnen, dass die
möglichst einfache Form des Steines sich ergibt. Je einfacher die
Form, um so leichter und um so genauer ist die Ausführung, um so
besser werden die einzelnen Steine beim Versetzen zusammenpassen, um
so solider wird die ganze Konstruktion, um so billiger die Arbeit.
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Da eine ebene Fläche am Stein immer leichter
auszuführen ist, als eine krumme Fläche, und es schwer ist, Steine
in krummen Flächen genau zusammenpassend zu bearbeiten, so gilt als
zweite Hauptregel, alle krummen Schnittflächen zu vermeiden und wenn
irgend möglich durch Ebenen zu ersetzen.
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Alle spitzen Ecken, scharfe Kanten und Flächenwinkel
sind zu vermeiden, da diese bei der Anfertigung und namentlich beim
Versetzen der Werkstücke dem Abbrechen sehr ausgesetzt sind. Wie weit
man in dieser Hinsicht gehen darf, das hängt von der Härte und
Struktur des Steine ab; feinkörnige harte Steine lassen schärfere
Ecken und Kanten zu, als weiche, grobkörnige Steine. Im Allgemeinen
sollen alle Flächen und Kantenwinkel einem rechten möglichst nahe
kommen. Zu scharfe Kanten und Ecken sind daher stets abzustumpfen oder
abzufasen.
-
Die Lagerflächen sind stets so anzubringen, dass sie
möglichst normal auf der Richtung des größten Druckes stehen. Daher
sind die Lagerflächen einfacher lotrechter Mauern horizontale Ebenen,
weil der Druck senkrecht wirkt; bei Bögen stehen die Lagerflächen
normal auf der Bogenkrümmung, weil ihre Drucklinie annäherungsweise
parallel mit der Bogenkrümmung verläuft, teils auch deshalb, weil
eine andere Anordnung gegen die in Pkt. 3 gegebene Regel verstoßen
würde.
-
Alle sonstigen Schnittflächen (die Stossfugen etc.)
stehen stets senkrecht auf dem äußeren Mauerhaupt, oder bei Bögen
und Gewölben normal auf der Leibung, weil man nur so rechtwinklige
Ecken und Kanten erhält.
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§ 3
Bei der Ausführung einer Steinschnittaufgabe sind im
Allgemeinen folgende Arbeiten in nachstehender Reihenfolge auszuführen:
-
Aufzeichnen des betreffenden Mauerkörpers (d.h. der
Mauer, des Bogens, Gewölbes etc.) in Grund- und Aufriss, nebst den etwa
nötigen Durchschnitten zur vollkommenen Bestimmung der Form derselben.
-
Konstruktion der Durchdringung der Bögen und Gewölbe
mit Mauern und unter sich.
-
Anordnung der Schnittflächen, namentlich der
Lagerbrettungen bei Bögen und Gewölben im Aufriss.
-
Formbestimmung dieser Brettungen im Grundriss.
-
Anordnung der Stossfugen.
-
Bestimmung der wirklichen wahren Form der Brettungen,
der Schablonen, Lehren, Winkel etc., unter Umständen auch der
Leibungsabwicklung der Bögen und Gewölbe.
-
Heraustragen einzelner Steine in isometrischer
Perspektive.
§ 4
Beziehungen des Steinschnittes zur darstellenden
Geometrie
Da es sich beim Steinschnitt vorzugsweise um die
Konstruktion der Durchdringungskurven von Flächen der verschiedensten Art
handelt, so ist eine vollkommene Bekanntschaft mit der darstellenden
Geometrie, insbesondere mit der Lösung jener Aufgaben dieser Wissenschaft
erforderlich, welche die Durchdringung der Flächen behandelt.
Wir müssen mit Rücksicht hierauf zwei Aufgaben wesentlich
hervorheben, nämlich 1. den Schnitt einer Ebene mit einer beliebigen
Fläche und 2. den Schnitt zweier beliebiger Flächen zu konstruieren. Die
zweite Aufgabe ist jedoch strenggenommen bezüglich der Lösung nur eine
wiederholte Anwendung der ersten, insofern hierbei in der Regel wieder
Ebenenschnitte zur Anwendung kommen. Denn die allgemeine Lösung der
Aufgabe, den Schnitt zweier Flächen zu finden, besteht darin, dass man
beide Flächen durch eine Ebene schneidet; hierdurch erhält man zwei in
einer Ebene liegende Schnittkurven A und B; jeder Punkt nun, in welchem Die
Kurven A und B sich schneiden oder berühren, ist ein beiden Flächen
gemeinschaftlicher Punkt, also ein Punkt der Durchdringungslinie beider
Flächen.
Allerdings ist die Lösung der betreffenden Aufgaben in
dieser allgemeinen Form umständlich. Da es sich aber weitaus in den meisten
Fällen um einfache, regelmäßige Flächen handelt (Ebenen, Zylinder,
Kegel, Umdrehungsflächen), so wird in jedem speziellen Fall leicht eine
solche Lage jener Hilfsebenen gefunden werden können, welche die
einfachsten Schnittlinien (gerade Linien, Kreise) ergibt, die genauer als
Kurven sich zeichnen lassen, und daher Resultate liefern, die an Genauigkeit
nichts zu wünschen übrig lassen.
§ 5
Isometrische Projektion
Das Heraustragen der Steine in einer Art perspektivischer
Ansicht hat vorzugsweise den Zweck, dass der Zeichner sich von dem
betreffenden Schnittstein eine vollkommene klare Anschauung macht, außerdem
wird mit Beihilfe einer solchen perspektivischen Zeichnung dem Steinmetzen
die Form des zu fertigenden Steines leichter beschrieben und ihm
verständlich gemacht werden können, ja der Steinhauer wird in einfacheren
Fällen, wenn der perspektivischen Zeichnung die Maße beigeschrieben sind,
ohne weiteres Zutun den Stein anfertigen können.
Die isometrische Perspektive (Parallelperspektive)
unterscheidet sich von der richtigen Perspektive dadurch, dass gerade
Linien, welche im Raume parallel sind, auch im Bilde ihre parallele Richtung
beibehalten, und dass die Maße (Koordinaten) in der Richtung von drei
Achsenrichtungen (Länge, Breite und Höhe) ihrer wirklichen Länge
entsprechend aufgetragen werden; es gibt also hier keine perspektivische
Verkürzung, keinen Fluchtpunkt etc. |